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Kieselsteine in der Unternehmensnachfolge (08)


Nach dem Gespräch mit dem Dorfrichter Adam wälzte sich der Unternehmer nächtelang schlaflos in seinem Bette, aus Angst, die Kinder würden ihre Pflichtteilansprüche geltend machen. Nicht allein die Nachfolgeberatung, sondern auch die Zaubersprüche hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Also entschied sich der Unternehmer, dass seine beiden Kinder Hänsel und Gretel hinfort mussten.

Schließlich war er sich nunmehr sicher, dass seinen Nachkommen der Unternehmergeist fehlte, um im Märchen von der Unternehmensnachfolge weitere, erfolgreiche Kapitel zu schreiben. Hänsel machte keine Anstalten, das Unternehmen in absehbarer Zeit zu übernehmen, sondern jobbte viel lieber als Bar-Mixer im Excalibur Hotel, das König Arthur jüngst im Schlaraffenland errichtet hatte. Auch Gretel schien nicht über die Führungsqualitäten zu verfügen, die es brauchte, um sein erfolgreiches Traditionsunternehmen für die nächsten Jahrhunderte fit zu machen. Seine Tochter war dem Schönheitswahn verfallen, den ihr Top-Models wie Schneewittchen, Dornröschen oder auch die Heidi vorlebten. Ihr Traum war es daher, eines Tages einen hübschen Märchenprinz zu heiraten.

Der Unternehmer wollte daher – getreu des jüngst erhaltenen Expertenrats – lieber schnell die Gunst der Stunde nutzen. Was wäre, wenn er stürbe und sich seine Kinder über das gefundene Fressen hermachten wie riesige Heuschrecken, oder aber das Unternehmen einfach in kürzester Zeit herunterwirtschafteten?

“Was soll ich denn sonst tun?”, fragte sich der Unternehmer. Immerhin wurde sein altes Herz dann und wann von Gewissensbissen befallen, die er jedoch tunlichst beiseite schob. Einen Ausweg aus seinem Dilemma sah er beileibe nicht. Würde er für sein Lebenswerk, die Knusperhäuschen GmbH, einen Nachfolger finden, etwa seine rechte Hand Heike Hexler, drohte sein Lebkuchenhaus dennoch alsbald zu bröckeln.

Es war ihm nur allzu bewusst, dass die liquiden Mittel, die ihm zur Verfügung standen, niemals ausreichten, um auch noch den zu zahlenden Pflichtteil leisten zu können. Zudem hatte der Froschkönig die Steuern (und leider auch die Erbschaftssteuer) schon wieder angehoben, weil er trotz zahlreicher Schönheitsoperationen noch immer nicht so recht menschlich aussah.

Unternehmensnachfolge

Schlecht beraten: Liquidität geht auch anders

Als der Unternehmer eines Abends durch seine neue, ultramoderne Kristallkugel mit seiner Gesellschafterin Heike Hexler telepathierte, seufzte er und sprach zu ihr: “Was soll nur aus meinem  schönen traditionsreichen Familienunternehmen werden? Bereits durch die zu zahlende Erbschaftssteuer muss ich einen erheblichen Substanzverlust hinnehmen. Ich kann nicht auch noch den Pflichtteil an meine Kinder auszahlen.”

“Weißt du was, Unternehmer?” antwortete die Frau, “Führe morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald, wo er am dicksten ist. Da lässt du sie schuften, bis sie nicht mehr können und schließlich einschlafen. Wenn sie dann des Nachts wieder aufwachen, finden Sie den Weg nicht wieder nach Haus, und wir sind sie los.”

“Nein, Heike,” erwiderte der Mann, “das tue ich nicht; wie sollt ich’s übers Herz bringen, meine Kinder im Walde allein zu lassen? Die wilden Tiere würden bald kommen und sie zerreißen.”

“Oh, du Narr,” sagte sie, “dann wird die Unternehmensnachfolge nicht gelingen. Bedenke, dass ein Märchen wie dieses noch den nachfolgenden Generationen erzählt wird. Soll dein Lebenswerk, das du dir Zeile für Zeile aufgebaut hast, für alle Zeiten aus dem Buch der Unternehmensnachfolge getilgt werden?”

Sie ließ ihm keine Ruhe, bis er einwilligte. “Aber die armen Kinder dauern mich doch,” sagte der Unternehmer und blickte mit Tränen in den Augen durchs Fenster in die schwarze Nacht hinein, nicht ahnend, dass seine beiden Kinder heimlich an der Türe lauschten. Schnell wurde ihnen klar, in welcher misslichen Lage sie sich befanden…

1 Kommentar zu „Kieselsteine in der Unternehmensnachfolge (08)“

  1. [...] war sich mittlerweile sicher, dass er sich auf dem bisherigen Weg in der Unternehmensnachfolge auf Kieselsteine verlassen hatte, die oberflächlich betrachtet funkelnden Diamanten gleichkamen. Schon seit [...]

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